Einleitung

Marie-Catherine Beaulieu und Céline Saudou nahmen an der LILAC teil, die vom 30. März bis zum 1. April 2026 in Sheffield stattfand. Die Vortragsreihe befasste sich mit dem Thema Informationskompetenz (Information Literacy) und wurde von Informationsfachleuten aus allen Bereichen des angelsächsischen und nordamerikanischen Bibliothekswesens gestaltet.

LILAC 2026 hat eine dringende Erkenntnis deutlich gemacht: Der Umgang mit Informationen ist keine nebensächliche Kompetenz mehr, sondern ein entscheidender gesellschaftlicher Faktor für die öffentliche Gesundheit und die Demokratie. Für Ingenieure und Architekten bedeutet dies, dass die Art und Weise, wie wir Daten filtern, validieren und nutzen, direkten Einfluss auf die Sicherheit von Bauwerken, die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit und die Integrität unserer Projekte angesichts der durch KI verstärkten Desinformation hat.

Die Keynotes von Sue Lacey Bryant und Matteo Bergamini haben zwei grosse Gefahren hervorgehoben:

1. Die Informationsüberflutung: Ein Umfeld, das von Fake News und Deepfakes überschwemmt ist und somit die technische Entscheidungsfindung gefährdet.

2. Die Unsichtbarkeit von Ausbildungsdefiziten: Mangelnde Informationskompetenz Gesundheitsbereich führt zu gefährlichen blinden Flecken (z.B. schwerverständliche Beipackzettel von Medikamenten in unseren Branchen.

 

Schwerpunkte

Im Folgenden sollen die wichtigsten Erkenntnisse aus den 48 Sessions/Workshops zusammengestellt werden – auch im Hinblick auf eine mögliche Umsetzung im Kontext unserer Hochschule:

1. Der blinde Fleck der Geschlechterfrage im Ingenieurwesen

Die Feststellung: Eine britische Doktorarbeit zeigt, dass auch wenn geschlechtliche Minderheiten im Ingenieurwesen untersucht werden, bleibt ihr Verhältnis zum Umgang mit Informationen ein blinder Fleck.

 Die Herausforderung für uns: Die unsichtbaren Hindernisse (Analyse des Verhaltens in Bezug auf empfangene Informationen), denen Frauen und nicht-binäre Personen beim Zugang zu technischen Ressourcen gegenüberstehen, zementieren Ungleichheiten.

Empfohlene Massnahme: Eine inklusive Informationskompetenz (?) in unsere Lehrpläne und Forschungsmethoden integrieren, um die anhaltenden geschlechtsspezifischen Ungleichheiten zu beseitigen.

2. Desinformation und wissenschaftliche Glaubwürdigkeit

  • Das Paradoxon: Eine Studie unter schwedischen Krankenschwestern zeigt, dass Informationskompetenz nicht automatisch dazu führt, dass man weniger leicht auf Falschinformationen hereinfällt (z. B. zu COVID-19). Die wahrgenommene Glaubwürdigkeit und der soziale Kontext spielen eine entscheidendere Rolle als die Ausbildung allein.
  • Das technische Risiko: Die „evidenzbasierte Instrumentalisierung“. Dabei handelt es sich um eine Taktik, bei der wissenschaftliche Erkenntnisse zweckentfremdet werden, um ideologische Ziele zu legitimieren (z. B. Anti-Pornografie-Organisationen, die selektive Daten verwenden).
  • Wachsamkeit: Als Datenexperten müssen wir in der Lage sein zu erkennen, wann sachliche Genauigkeit nur vorgetäuscht wird, um Gruppenzugehörigkeiten zu bedienen, anstatt der objektiven Wahrheit.

3. Generative KI: Das Recht auf Ablehnung und Ethik

Widerstand aus der Berufspraxis: In einer Sitzung wurde die Unvermeidbarkeit generativer KI in Hochschulbibliotheken in Frage gestellt.

Für unsere Lehr-, Technik- und Verwaltungsteams: Es ist legitim und notwendig, eine reflektierende Haltung gegenüber KI zu entwickeln. Die systematische Einführung ist nicht der einzige Weg; das Recht auf Ablehnung und die ethische Bewertung der Tools sind grundlegend, um die berufliche Autonomie und die Qualität der Dienstleistungen zu wahren.

4. Dekolonisierung und indigenes Wissen

Die Initiative: Kanadische Universitäten (z. B. Simon Fraser, Western Library) arbeiten daran, ihre Studiengänge zu dekolonisieren und indigene Perspektiven in die Forschung zu integrieren.

Feststellung im Bereich Architektur/Stadtplanung: Für Architekten und Stadtplaner ist es unerlässlich, andere Formen der Erkenntnisgewinnung und kulturelle Realitäten zu verstehen und zu integrieren, um inklusive Räume zu gestalten, die den lokalen Kontexten Rechnung tragen und über traditionelle westliche Standards hinausgehen.

5. Integration in den Lehrplan (Lancaster-Modell)

Durch eine Zusammenarbeit zwischen Bibliothekaren und Bildungsentwicklern konnten Informationskompetenzen direkt in die Lehrplangestaltung der Stufen 4 bis 7 integriert werden.

Ergebnis: Eine explizite Einbindung, die das Selbstvertrauen und den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler stärkt.

6. Interkulturelle Anpassungsfähigkeit

Informationskompetenz setzt voraus, dass man den kulturellen Kontext der Informationserstellung sowie den des Nutzers versteht.

Für Verwaltungs- und Lehrpersonal: Die Anpassung von Schulungs- und Beratungsangeboten an die kulturelle Vielfalt der Studierenden und Kollegen ist für eine relevante Betreuung von grundlegender Bedeutung.

 

Fazit 

LILAC 2026 läuft auf eine gemeinsame Dringlichkeit hinaus: die Stärkung der kritischen Kompetenzen von Bürgern und Fachleuten. Ob es darum geht, die öffentliche Gesundheit zu schützen, die Demokratie zu bewahren oder die Integrität unserer Ingenieur- und Architekturprojekte zu gewährleisten, sind die Ausbildung und proaktives Handeln die einzigen wirksamen Schutzfaktoren gegen Manipulation und systemische Ungleichheiten.

7. Mai 2026